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Nachrichten auf Nachfrage: Wenn Rechenformeln den Redakteur ersetzen.

Heia. Der erste Gastbeitrag ist da: Muriel Büsser, Wirtschaftsredakteurin, schreibt uns heute was zu den neuen OnDemand Modellen im Journalismus. Denn die bieten eine erste (aber sicher nicht die einzige) Anwort darauf, was konkret geschieht, wenn man den Journalimus nicht mehr vom alten Medium Zeitung her denkt, sondern von der Nachfrage nach Information im Netz. MG


Nachrichten auf Nachfrage: Wenn Rechenformeln den Redakteur ersetzen.

Publishing on demand – ist das die Zukunft, die dem Journalismus droht? Während die Branche nach einer Antwort auf die sie umtreibende Frage ‚Quo vadis, journalism?’ sucht, hat das Web 2.0 längst eine neue Medienidee geboren: Nachrichten auf Nachfrage. Das System folgt dem Motto: citizen journalism ja, aber mit Methode und profitorientiert.

Das Modell basiert auf zwei Regeln:

1. Veröffentliche nur, was auch jemand wissen will. Getreu dieser Devise funktioniert z. B. answers.com: Die spontanen Bedürfnisse der User füllen hier einen Pool von Fragen, die sich berufen Fühlende beantworten. Das Ganze funktioniert dank Massenmedium im Sekundentakt. Und: Google dekoriert jede Antwort mit drei inhaltlich passgenauen Werbelinks.

Damit wären wir auch schon bei Regel Nummer zwei:

2. Veröffentliche nur, was sich gut bewerben lässt. Während die Inhalte von answers.com einer gewissen Beliebigkeit folgen, sind sie bei demandmedia.com das Ergebnis eines ausgefeilten Berechnungsmodells: Sie entsprechen nicht nur den Bedürfnissen einer signifikant großen Zahl von Internetnutzern, sondern stoßen bei werbewilligen Unternehmen auch auf Zahlungsbereitschaft. Zudem spielt auch die relative Singularität des Inhalts ins Rechenmodell mit hinein – schließlich möchte man auf der Google-Hitliste nicht unter ferner liefen erscheinen.

Aus all dem ergibt sich folgendes System: Ein Algorithmus spuckt die zu bearbeitenden Titel aus, und ein gigantischer Mitarbeiterpool darf sich sodann auf die Brocken stürzen. Die Bezahlung ist entweder fix und lausig oder aber gewinnorientiert und dann tröpfchenweise und an das Prinzip Hoffnung geknüpft. Die Qualität der Beiträge entspricht der Bezahlung, was die Frage aufwirft: Wer liest, bzw. guckt eigentlich die rund 4000 Artikel und Videos, die demandmedia.com jeden Tag veröffentlicht? Der Erfolg des Systems erübrigt die Antwort: Das junge Unternehmen rechnet mit 200 Millionen US-Dollar Einnahmen 2009. Sein Wert wird bereits auf eine Milliarde US-Dollar geschätzt. (www.wired.com/magazine/2009/10/ff_demandmedia)

Können Journalisten in einer Demandmedia-Welt – mal abgesehen von der Beerdigung ihrer Ideale – finanziell noch halbwegs über die Runden kommen, macht AOLs neueste Medieninitiative auch damit Schluss. Mit seed.com verknüpft CEO Tim Armstrong die Ökonomisierung der Inhalte mit der Ökonomisierung ihrer Produktion: Im Stil von myhammer.de stellt er die zu produzierenden Stücke zur Auktion, auf dass willige Redakteure durch gegenseitiges Honorar-Unterbieten um sie feilschen. Drei, zwei, eins – meins! (Apropos Redakteure: Die Bedingungen zum Mitmachen lauten bei AOL-seed derzeit nur: US-Bürger und volljährig.)

Die bisherigen Erfahrungen der noch jungen Bewegung zeigen: Rechenmodelle treffen die Wünsche der Leser (und die der werbenden Unternehmen) genauer als Herausgeber, Chefredakteure und Redaktionskonferenzen. Also: Redakteure raus, Algorithmen rein? Eine gruselige Vorstellung. Über die professionelle Seite hinaus beerdigt das ausgefeilte Computer-SEO der demandmedias aber auch die Hoffnungen eines jeden Amateurbloggers, dass seine Ergüsse sich einmal irgendwie rentieren könnten. Langfristig plant demandmedia-Chef Richard Rosenblatt, eine Million Stücke pro Monat zu veröffentlichen – in dieser google-optimierten Flut wird jede andere Information untergehen.

Angesichts dessen keimt automatisch die Hoffnung, dass das Phänomen zwar den Massenmarkt erobern wird, für Idealisten aber doch eine qualitativ hochwertige Nische übrig bleibt. Doch wie sollte die aussehen? Wenn nicht werbegeleitet, dann mit Extrakosten: ein Bezahlweb á la Premiere, äh Sky also? Ein elitäres Parallelweb mit Zugangsbeschränkung und Qualitätskontrolle? Das war ja auch mal anders gedacht…

Noch ist die Maschine nicht in Fahrt. Weiterhin stecken die Unternehmen nur acht Prozent ihrer Werbeausgaben in die digitalen Medien, obwohl die Konsumenten bereits 38 Prozent der Zeit, die sie Medien widmen, im Netz verbringen (J.P. Morgan, Nothing but Net 2010). Bis die Wirtschaft die Zeichen der Zeit erkannt hat, bleibt uns also noch eine Galgenfrist, um zu überlegen, was wir eigentlich wollen: Was lieben wir an einer Zeitung? Wie wollen wir unsere Nachrichten? Was ist uns unser Geschreibe wert? Sicher ist: Wer seine Fragen nur oft genug auf englisch ins Netz stellt, wird bald eine Antwort erhalten.

Muriel Büsser

Comments
2 Responses to “Nachrichten auf Nachfrage: Wenn Rechenformeln den Redakteur ersetzen.”
  1. mario.gamper says:

    Hallo Peter,
    entschuldige die späte Antwort. Wir sind alle nur im Nebenberuf Blogger :-) Im Moment hast Du für Deutschland mit Sicherheit recht. Das Zeitungssterben ist in den USA deutlich schlimmer als hier. Entsprechend hoch ist auch die Zahl der Journalisten, die bereit sind für deutlich weniger Geld zu arbeiten. Wobei man nicht sagen kann, dass eine Plattform wie Demandmedia ausschließlich von Profis betextet wird. Da steht viel Quatsch drin. Aber es sind eben auch Experten dabei. Was mir Sorge für Deutschland macht, ist dass die Verlage mit ihrer Abwehrstrategie gegen Google & Co. zwar Zeit gewinnen, aber für die Zeit nach dem Zeitgewinn dennoch keine Antworten haben.
    Mario

  2. peter says:

    Sehr guter Artikel! Ich denke jedoch, dass uns in Deutschland eine Entwicklung a la DemandMedia erspart bleibt: Das ganze Modell setzt auf gewisse Relationen zwischen der Zahl der User, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren, und dem Werbegeld, das sich damit erlösen lässt, was wiederum die Summe definiert, die für die Content-Produktion bezahlt werden kann. Will sagen: DemandMedia funktioniert nur, wenn es sehr viele potentielle Leser und sehr günstige Content-Produzenten gibt. In Englisch bzw. USA geht die Rechnung auf, in anderen Ländern bzw. Sprachen jedoch nicht.

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