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Jay-Z, der Terminator und du.

Wir hatten mal zwei Leben. Mindestens. Und alles was wir dafür tun mussten, war umziehen. Natürlich nicht von Kornwestheim nach Killesberg. Aber Berlin hätte gereicht und New York kam sozusagen mit Neuanfangsgarantie.

New York!
Concrete jungle where dreams are made of
there’s nothing you can’t do.
Now you’re in New York!!!
These streets will make you feel brand new,
the lights will inspire you,
Let’s hear it for New York, New York, New York

Jay-Z, Empire State of Mind.

Das war einmal. Da kann Jay-Z locker Zeilen raushauen und Alicia Keys über den Empire State of Mind jubilieren lassen. Die großen Städte machen uns nicht mehr „brand new“, denn dieser Tage verabschieden sich zwei alte Gefährten

der Metropole im Gleichschritt: Jungle und Inspiration; Abenteuer und Neuerfindung.

Die nackte Stadt.

Heute, im Jahr 2 nach iPhone erreichen wir unsere Ziele, einer Sparstufe des Terminators gleich, mit GPS Maps auf kürzestem Weg. Sei es in Brooklyn, Tokio oder in den schmalen Gassen Marrakeschs.

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Wie die T-800 ziehen wir unaufgeregt Orientierungsdaten aus parallelen Wirklichkeiten wie dem GPS Raster. Selbst ohne lustige Kameraspielchen ist unsere Reality längst Augmented. Mit unserer exakten Verortung beginnt der Einstieg in eine Stadtwelt, in der vielfältige Informationen über uns und unsere Umgebung darauf warten, kombiniert zu werden.

We need to stop thinking of the city as bricks that don’t communicate. In the computer revolution, every constant in the world becomes a variable; everything around us is scriptable, which makes everything deeply interactive.

Adam Greenfield, Head of Design, Nokia

Die neue Großstadt ist uns gegenüber nicht nur nackt und ohne Geheimnisse. Sie redet auch permanent mit uns. Die neue Großstadt will uns auf dem Laufenden halten und wird uns daher auch nie aus den Augen lassen. Sie berührt uns, wohin wir gehen.

Wir kommen so an eine Unzahl nützlicher Informationen: Wo ist der nächste H&M? Oder ein öffentliches WC? Wie gut ist der Kuchen in diesem Coffee-Shop? Wie weit bis zur nächsten U-Bahn Station? Wie lange dauert die Fahrt zum Theater? Gibt es überhaupt noch Tickets?

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Was dabei auf der Strecke bleibt: Der Kitzel des Eroberns.

Die Großstädte sollten diesen Verlust nicht auf die leichte Schulture nehmen. Er ist Teil ihrer erfolgreichen Idee und ihres Leistungsversprechens an neue Bewohner. Die Herausforderung des Molochs liefert genau die Abschreckung und Auslese, die erst die Heldengeschchte aller Großstadtneubürger legitmiert. Wozu noch umziehen, wenn das Herzklopfen ausbleibt?

Und nicht nur die Ankommenden werden etwas verlieren. Die Wertschätzung, die man sich als Einheimischer durch lokales Wissen über Jahre erarbeitete, wird von einer Wissens-Hyperinflation zerrieben. Die letzte Brand Eins titelte zwar optimistisch, daß sich Wissen als einziges Gut durch den Gebrauch vermehrt. Sie deckte aber den Mantel des Schweigens über die Frage, was ein sich ständig schneller entwertendes Wissen für die Wissensarbeiter bedeutet.

In der vernetzten, kommunizierenden Stadt, läßt sich die ungleiche Verteilung von Information und Ideen in Sekunden ausgleichen – und so schnell wie das Abenteuer verschwindet auch der Insider-Tipp.  Neuankömmlinge sind genauso gut über die aktuellen Parties informiert wie Alteingesessene. Der einfachste -- oder schnellste -- oder fahrradtauglichste Weg zum angsagten Restaurant? There’s an app for that.

2006: „Reisenden wird die Möglichkeit geboten, ihr Reiseziel nicht bloß als typischer Tourist zu besichtigen, sondern mit den Augen von Einheimnischen.“ The Insider Agency.

2009: „See Berlin through the eyes of a MINI convertible.“ berlin.unlike.net

Dabei lieben wir nichts so wie Unberechenbarkeit, Die gesamte Unterhaltungsindustrie basiert auf Informations-Assymetrie. Da hat sich seit Aristoteles’ Poetik nicht viel getan. Spannend ist, wenn man nicht weiß, was als nächstes geschieht.

Forever Andrew Warhola.

Aber man kann die eigene Geschichte ja nicht nur nach vorne schreiben, es geht nicht immer nur um das was als nächstes passiert. Wir alle schreiben auch permanent unsere Geschichte neu, erfinden unsere Vergangenheit als gute Story. Oft is es auch spannender, wenn man nicht weiss, was vorher war.

Früher war die Metropole der Ort für Neuanfänge. Ein neuer Name. Eine neue Frisur. Ein neues Leben. Andrew Warhola wurde in New York zu Andy Warhol. Nicht im einem Vorort von Pittsburgh.

p_youngwarhol
When you’re growing up in a small town
and you’re having a nervous breakdown
and you think that you’ll never escape it
yourself or the place that you live

(Lou Reed, Smalltown)

Im Googlespace der vernetzten Realität sind wir alle wie die Aussteiger, die nach Goa gehen, und dann dort anfangen, den Strand aufzuräumen. Wir nehmen uns überall hin mit. Das Internet vergisst nichts. Wir bleiben wir. Und macht die Welt nicht nur für Künstler zu einer völlig anderen.

Gerade in der der vernetzten Stadt wird nicht nur unser Blogpost, sondern auch unser unbeobachtetes Leben zum Eintrag in einem globalen Archiv. Kaufen, Essen, Gehen wird in der vernetzten Stadt zum User Generated Content.

Um den Charakter einer Welt zu beschreiben, in der unsere Leber Teil eines von Programmen überwachten und analysierten Datenstroms wird, greift Nokias Chefdesigner Adam Greenfield auf Benthams Gedankenexperiment des Panoptikums zurück: Ein Gefängnis, in dem Wächter die Gefangenen jederzeit sehen können, die Gefangen aber nie sehen können ob Wächter da sind oder nicht. Das Resultat bei Bentham: die Gefangen benehmen sich aus Selbstschutz immer so, als wären Wächter anwesend.

Adieu Anonymität.

Wenn wir die Verbreitung von Lebensdaten nicht mehr kontrollieren können, werden wir dann versuchen, ihre Entstehung zu kontrollieren und zu minimieren. Kommt ein neuer Puritanismus -- Bentham-Sytle? Aber wie zieht man im digitalen Space die Vorhänge zu? Werden wir jeden Morgen unser Google Dashboard aufrufen und schauen, ob wir irgendwo eine Gegendarstellung einfordern müssen? Werden wir Menschen mit Handykamera aus unserem Freundeskreis auschließen, oder müssen sie sie nur am Eingang zur Party abgeben?

Oder wird werden wir einfach lernen die Grenzziehung von Privat und Öffentlich zu ignorieren. Vor 100 Jahren wäre es komplett undenkbar gewesen, dass Menschen, die sich im volltrunkenen und bekifften Zustand beim Sex filmen, noch mal angesagte Gäste der High Society werden können. Heute scheint manchmal eher das Gegenteil wahr. Paris Hilton hat als lebende Sozialstudie Ruhm und Reichtum verdient. Sie zeigt uns, wie man in Zukunft mit dem erwischt werden umgehen kann. Dreist.

Und das bringt uns zurück zu Andrew Warhola. Wer seine Kindheit nicht gerade in einer Kita mit Kaspar Hauser verbracht hat, für den liefert selbst die Metropole keinen Ort mehr für einen heimlichen Neuanfang. Uns selber neu erfinden, dass müssen wir in Zukunft machen wie Popstars. Sie ertragen schon Jahren permanente Überwachung und eine Vergangenheit ohne Verfallsdatum. Man darf neu werden, aber man muss seine Vergangenheit aushalten.

Es muss nicht immer Gatsby sein.

pic_gatsbyVielleicht war der totale Identitätsreboot noch nie die beste Idee. Schon bei The Great Gatsby war die Moral von der Geschicht, das es ein bißchen gefährlich ist, sich eine einfaches, zusammenhängendes und sinnvolles Selbst zu erfinden. Der Zusammenbruch der Geschichte läßt dann gerne auch die Person einstürzen.

Viel erfolgversprechender scheint da doch das Modell Paris Hilton. Oder noch besser: Lady Gaga. Ein perfektes Beispiel für eine Persona, die alles andere als nur “brandnew” ist. Ihre Vergangenheit ist präsent und komplex: Kleinbürgerliches Elternhaus, Juillard School, Burlesque dancer, Rilke Fan, bisexuell. Oder doch Hermaphrodit? Es ist die Vielzahl der nicht aufeinander reduzierbaren Informationen, die Freiräume schafft, wenn man die Vergangenheit nicht mehr ablegen kann wie einen mottenzerfressenen Mantel.

Kein Wunder, das ihre Love-Songs das Thema Überwachung schon im Titel tragen: Paparazzi. Pokerface.

I’m your biggest fan
I’ll follow you until you love me,
Papa-paparazzi.

Lady Gaga, Paparazzi

Überwachen, Lieben, und darüber reden. Was klingt wie eine Seminararbeit von Foucault, könnte das neue Versprechen der Großstadt werden. Sie kombiniert totales Wissen mit absoluter Gelassenheit; die unnachgiebigen detektivischen Fähigkeiten des Terminators mit Jay-Zs “8 million stories” die nirgendwo hinführen.

Denn wo sonst sollten wir das lernen, wenn nicht in New York.

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