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Wenn Revolutionäre Knirschschienen brauchen.

Täuscht der Eindruck, oder hat sich die Laune in der Blogosphäre in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert? Gefühlt häufen sich die zähneknirschenden Beschwerden, daß die Welt immer noch nicht einsehen will, daß beim Publizieren alles anders werden muss.

Top-Revolutionär Che Guevara sagte zum Thema Revolution ja so hübsche Sachen wie: “Die Revolution ist kein Apfel der fällt, wenn er reif ist. Du musst dafür sorgen, dass er fällt.” Und irgendwie stellte man sich das Baumschütteln immer als handfeste und lustvolle Angelegenheit vor.

Doch statt lustig plumpsenden Revolutionsfrüchten gibt es gebloggte Theorie gegen den Status Quo. Ein prominentes Beispiel: das Internet Manifest – Wie Journalismus heute funktioniert – das allerdings was ganz anderes erklären möchte, nämlich wie Journalismus heute gehen müssen sollte. Der Text selbst kommt forsch daher, aber schon der erste Kommentar zeigt den Glaubenverlust in der Szene.

  • Kommentar von Ein Besucher, geschrieben am 7.9.2009.: “Sehr wahre Worte, mussten mal gesagt werdne. Mal schauen, ob sie was ändern werden.“ (http://www.internet-manifest.de/index.php/manifest/feedback/161/)

Hmm. Wer bitte soll was ändern, wenn nicht die, die die Wahrheit kennen? Nur wenige Tage später folgt, angesichts gemischter Reaktionen, sogar eine halbe Entschuldigung des Mitautors Niggemeier:

  • “…was passiert jetzt? Wir haben darüber beim Zusammenfinden und beim Verfassen dieses Textes nie geredet. Wir haben ihn geschrieben, weil wir das Gefühl hatten, dass er geschrieben werden muss. Weil wir es nicht mehr ausgehalten haben, was die Verleger der Medien, für die wir oftmals arbeiten und auf die wir eigentlich auch in Zukunft nicht verzichten wollen, Woche für Woche für gefährlichen, himmelschreienden Unsinn über das Internet in die Welt posaunt haben.” Stefan Niggemeier http://www.stefan-niggemeier.de/blog/das-manifest-das-wozu-und-das-danach/

Mal ehrlich: So klingt doch keine revolutionäre Success Story. Ein Revolutionär beschwert sich nicht, er besorgt Waffen. Das Tagwerk eines echten Umstürzlers sollte von bestechender Einfachheit sein:

06.30: Aufstehen
07.30: ausgewählte Angehörige des alten Regimes bei Sonnenanbruch hinrichten
08.45: Frühstück; in den schönsten Räumen des alten Regimes
10.00: neues Gesetz ausdenken (z.B. kurze Röcke verbieten, oder beige Strickpullis)
12.00: neues Gesetz verabschieden
13.00: 2-3 Zweifler bezüglich der Nachhaltigkeit des neuen Gesetzes öffentlich auspeitschen lassen
usw…

Was ist also dieser Tage mit der Medienrevolution los? Es scheint, als wären die Medien-Jakobiner irritiert, dass sich die tradierten Formen der Medienarbeit nach Leibeskräften verteidigen, und sich hin und wieder sogar kleine Zwischenerfolge sichern. Darf man fragen, was die Revolutionsgarden von morgen erwartet haben? Das die etablierten Journalisten vor dem Axel-Springer-Verlagsgebäude zum letzten Appell blasen und dann geschlossen abziehen; um ihren Beruf einem Haufen Bürgerjournalisten zu überlassen, die diese Aufgabe als Hobby betreiben müssten, weil damit kaum Geld zu verdienen ist (Clay Shirky)? Dass die ehemaligen Profi-Journalisten anschließend nach Hause gehen, einen Blog im Firefox öffnen und ihrer Familie erklären: “Guck mal, so macht man jetzt Journalismus. Da sind bis zu 200 Euro pro Jahr drin.”?

Ganz davon abgesehen, dass dies eventuell nicht die beste aller möglichen Ideen ist, setzt es darüber hinaus eine großherzige Verleugnung eigener Interessen voraus. Das wäre ungefähr so, als hätte man Louis XVI. nicht auf’s Schafott gezerrt, sondern ihn per Einschreiben gebeten, alles Notwendige selbst zu erledigen. Er möge es bitte einsehen, wg. dem Fortgang der Weltgeschichte und so.

Passiert natürlich nicht. Damals nicht. Und heute auch nicht. Und was machen die Revolutionäre? Knirschen im Schlaf mit den Zähnen und schreiben am nächsten Tag schlechtgelaunte Beschwerdebriefe an die Welt. Und das ist nicht mal ein deutsches Problem. Und auch nicht auf das Thema Presse beschränkt. Um zu meinem Lieblingsthema Werbung zurückzukommen: vor kurzem traf A-Blogger Hugh Macleod auf seinem Blog gapingvoid.com ein Urteil über Werbeagenturen, das in der Blogopshäre schnell die Runde machte:

  • “You know why I don’t like advertising agencies. The Cluetrain wasn’t written by a Leo Burnett employee. Movable Type wasn’t invented by McCann’s. RSS wasn’t invented by JWT. Robert Scoble doesn’t work for Fallon. Techmeme wasn’t invented by Saatchi’s.” (http://gapingvoid.com/2006/07/26/whatever-marketing-becomes-will-start-I-believe-as-a-technology-trend/)

Klar, Totalversager, diese Agenturen. Das Einzige, was ihnen Macleod eventuell zu Gute halten könnte: Die Pest, den Schneematsch und den Montagmorgen haben sie ebenfalls nicht erfunden. Aber so lustig ist der Agitprop der Medienrevolte leider nicht. Es bleibt beim Nölen.

Diese grantelnde Erosionsarbeit an den Mauern aller! bestehenden Geschäftsmodelle mag ja langfristig Wirkung zeigen, aber sie ist momentan leider weder aufregend, noch Gemeinsamkeit stiftend. Man stelle sich vor, die DDR hätte ihre Untergangssymbole nicht in den Leipziger Montagsdemonstrationen oder den in Ungarn jubelnden Menschen gefunden, sondern in ein paar genervt-kritischen Briefen an das ZK.

Liebe Weltenwender! Mir wäre es so lieber: Hingehen, Depossedieren, was Tolles machen. Und – kleine Aufmunterung nach Tucholsky – auf jeden Fall nicht fragen, ob’s erlaubt oder angenehm ist. Und schon gar nicht mich.

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