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Das Versailles des Journalismus.

Seit ich vor drei Jahren meinen Fernseher bei der Altmediensammelstelle abgegeben habe, fehlt in meinem Leben ein wichtiger Moment: sich morgens um 02.30 die Augen reiben, und fragen ob der Film das jetzt wert war. Neulich habe ich leichtsinnigerweise einen DVBT-Stick an meinen Mac geflanscht, und blieb sofort an einer 6-stündigen Verfilmung der französischen Revolution hängen.

Dabei habe ich zwei aufrüttelnde Erfahrungen gemacht: Erstens, daß es komisch ist, wenn Klaus Maria Brandauer einen Franzosen spielt. Und zweitens, daß mich die Verwirrung des Hofstaats in Versailles im Jahre 1790 spontan an die heutige Situation des Zeitungsjournalismus erinnerte. Um genau zu sein, an die Wochenendausgabe der New York Times.

Nicht immer ist es ratsam, solche Halbträume sofort Verwandten und Bekannten mitzuteilen.
Aber sind wir etwa nicht Zeugen einer Revolution? Wir sehen zu, wie eine Entwicklung an ihr Ende kommt, in deren Rahmen Macht und Kunst immer weiter konzentriert wurden. Konkret im Falle der NYT: die Macht und Kunst des Zeitungsjournalismus.

Die siebeneinhalb Pfund schwere Wochenendausgabe der NYTimes mit Leben zu füllen erfordert, wie beim 700 Zimmer großen Schloß des Sonnenkönigs, eine enorme Koordination von Talent und Geld. Die Weekend Edition ist weniger praktisches Informationsangebot, als vielmehr das im Printjournalismus maximal erreich- und druckbare: Ein Spiegelsaal der vierten Gewalt im Staat.

Auch im absoluten Anspruch verrät sich die Verwandschaft. Wie zwei Cousins, die sich über denselben verwuschelten Haaransatz wundern, stehen sich die Leitsätze gegenüber: “All the news that’s fit to print.” – “L’état c’est moi.”

Warum muss man immer aufhören, wenn es am Schönsten ist.

Und irgendwann kommt leider – dummerweise ungefragt -  die Krise. Trotz allem. In der ersten Ausgabe der NYT findet sich ein hübscher Satz: “We publish today the first issue of the New-York Daily Times, and we intend to issue it every morning (Sundays excepted) for an indefinite number of years to come.” Das Ende dieser Unendlichkeit scheint schnell näher zu rücken. Vergessen wir sofort die Frage nach der Schuld. Die Bewältigungsstratgien sind interessanter.

Die New York Times hat die Entwicklung keineswegs verschlafen. Im Gegenteil. Sie ist einer der innovativsten Akteure im Internet: Integration von Blogs, Experimente mit kostenlosen und Premium-Angeboten, Computerprogramme, die das Originallayout der NYT auf den Bildschirm zaubern, eine Platform für’s Social Networking der Leser…  Die Times hat viele guten Ideen, die ihren Qualitätsanspruch im Internet relevant machen könnten, aufgeriffen und umgesetzt.

Allein: Die NYT macht Schulden, wie viele anderen Zeitungen auch. 1,1 Millarden sind inzwischen aufgelaufen. Anfang des Jahres wurde den Journalisten eine 5%ige Gehaltskürzung verkündet. Zur Zeit wird das Tafelsilber des Verlags vorsorglich für Interessenten aufpoliert. Die doppelte Präsenz in Print und Web bringt die vollen Kassen des Ancien Régime nicht zurück. Es ist die Zahl der teuer verkauften Anzeigen, die Zeitungen dick und fett macht, nicht die Zahl der verfügbaren guten Journalisten. Und Online-Ads sind günstiger als Print-Anzeigen. Sehr sehr viel günstiger. Warum?

Innovationsseminare in Varennes.

Vielleicht haben wir die richtgen Werbeformen für Internet-Zeitungen noch nicht gefunden? Die allen Sehgewohnheiten widersprechenden Bannerformate sind Bildschirmen der 90er Jahre geschuldet, die schon vor Jahren nach Pakistan verschifft und in Elektroschrott verwandelt wurden. Es gibt keinen Grund. sie zu verteidigen. Selbst Online-Päpste sehnen sich inzwischen nach der Ästhetik des Gedruckten.

  • In print people tend to look at the ads just because they’re better integrated, better looking ads. They’re big, full page, beautiful photography. In many ways they are content. That’s why advertisers spend $22 to reach 1,000 people on wired.com — and $100 at the magazine. I don’t think we have discovered the perfect online advertising vehicle yet. (Chris Anderson)

Vielleicht haben sie Recht und Onlinewerbung muß schöner werden. Noch besser wäre: seltener. Die Zeitungslayouts des 19. Jahrhunderts sahen dem Bannergewimmel von heute nicht unähnlich. Irgendwann erkannten die Verleger, dass die Verknappung der Anzeigenkunden pro Seite den Preis steigert. Warum soll diese Einsicht historisch einmalig bleiben? Vielleicht hat diese Hoffnung aber auch Unrecht. Und das nackte kleine Google Ad zur rechten Zeit am rechten Ort in der rechten Situation ist einfach das hübscheste und unwiderstehlichste was Leser jemals gesehen haben.

So oder so, die dicke Papierzeitung hat ihren Karrierehöhepunkt überschritten. Und das hat Folgen. Wenn Wissen vom Papier ins digitale verschoben wird, verliert es mit seinem Träger zugleich etwas ganz wichtiges: Gewicht – nicht nur im wirklichen, auch im bildhafen Sinn. Ob ich zwei dünne Julia-Hefte neben der Fernbedienung liegen habe, oder eine Bücherwand mit dicken Romanen besitze, macht nicht nur in meinem Kopf einen Unterschied, sondern auch in dem meiner Gäste.

Ein Gedankenexperiment um Amazons elektronisches Bücherabspielgerät Kindle herum läßt fühlen, wie gewaltig diese Veränderung ist. Egal, wie sehr sich die New York Times bemüht und wie gut ihre Journalisten sind – zwei imaginierte Kindle-Leser in einer imaginierten Hotel-Lobby sind zuallerst eben das: Kindle-Leser. Und nicht NYT- oder Porno-Leser.

Die Generation iPod ist diesen Weg schon gegangen, und die Musikindustrie muss ihr  folgen. Hier ist es längst nicht mehr das einzelne Medium, die CD, das soziale Ausweisfunktionen übernimmt. Das Prestige kommt mit dem Besitz der Technologie und der Fähigkeit einen außergewöhnlichen Remix der Medien herzustellen.

Kein Wunder das NYT-Herausgeber Sulzberger schon 2007 sagte: “I really don’t know whether we’ll be printing the Times in five years, and you know what? I don’t care either.”

Also nehmt eure Kinder mit zum Zeitungsstand, kauft eine Weekend Times und lasst sie von ihnen nach Hause tragen. Nehmt einen Umweg, damit der Weg länger wird. Vielleicht erinnern sie sich später daran.

Quellen:
Interview des Verlegers Sulzberger (2007): http://www.haaretz.com/hasen/spages/822775.html

Über die Schuldenkrise der NYTimes (2008): http://ireaderreview.com/2008/11/11/new-york-times-cash-crisis-nytimes-owes-11-billion-might-default-on-its-debt/

Zu den Gehaltskürzungen (2009): http://www.businessinsider.com/new-york-times-pay-cut-memo-2009-3

Zur aktuellen Diskussion der Einkommensmodelle mit den Lesern (2009): http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=106774623

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